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Der Blick geht zurück

26.05.2009 - WIESBADEN

Von Grit Weber

AUSSTELLUNG "In Between - Die Kunst, erwachsen zu werden" in der Walkmühle

Die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein, das ist die Adoleszenz: Abnabelung von den Eltern, sexuelle Reife, erste Liebe, Schule und Beruf: Die Jugend also, und wir alle wissen das noch sehr genau, die Jugend ist die intensivste Zeit im Leben. Aufruhr und Power, Zerrissenheit und Schwäche, so der Mythos, liegen nur Millimeter weit von einander entfernt. Doch alle Varianten des Erwachsenwerdens zu beschreiben, wäre ein uferloses Unterfangen. Lücken stellen sich zwangsläufig ein, ist doch dieser Zeitabschnitt vor allem eines: extrem subjektiv. Und die Berichte darüber entstehen in der Regel erst in der Rückschau, aus der Perspektive von Erwachsenen.

Bis auf eine Ausnahme ist das auch in der Ausstellung im Kunstverein Walkmühle so. Christoph Burtscher hat als Zehnjähriger seine Familie fotografiert, die er nun in der Serie "Silvester 1975" als emotionales Zeitdokument präsentiert. Wir sehen zwischen schweren Möbeln, Mutter und Vater, Burtschers halbwüchsige Schwestern. Jede Faser der Anwesenden drückt aus - im Kreise der Familie herrscht gähnende Langeweile. Von Aufruhr und Zerrissenheit keine Spur. Von der Körperhaltung bis hin zum gigantischen Brillengestell existiert eine stille doch behäbige Übereinkunft.

Wie anders nimmt sich dagegen die Rauminstallation von Sandra Mann aus. "Marie Terese" ist ein Mädchenzimmer, in dem neben Teddy, Meerschweinchenstall und Schulranzen schon die Invasionen der Popkultur (Bravo, Schminktipps und Poster süßer Jungs) im chaoserprobten Alltag eines Kindes zur Landung ansetzen. Fast riecht man Marie Tereses hormonellen Sprung, doch trotz des munteren sexuellen Interesses am anderen Geschlecht, wird sie ihr Kindsein garantiert noch ein paar Jahre mitschleppen müssen.

Mit halbwüchsigen Jungen hat sich dagegen Nicolai Howalt beschäftigt. Er vertraut dabei auf das dokumentarische Auge der Fotografie und hat jugendliche Boxer vor und nach ihrem Fight porträtiert. Verletzlichkeit, Niederlage und Erschöpfung sind die Chiffren, die durch Schrammen, verrutschte Kleidung und verschwitztes Haar belegt werden. Doch sie erscheinen in Howalts Arbeiten weniger als Ergebnis des Sportes, als vielmehr als vorweggenommene Schicksalsschläge.

Andere Kämpfe passieren hingegen in der Serie von Detlef Karsten. Der Titel ist Programm, denn "Motze I bis IV" funktioniert wie eine temperamentvolle Kinderzeichnung, in der eine Göre ihre offensichtlich unstillbare Wut an Mensch und Spielzeug austobt. Erziehung? Erfolglos!

31 sehenswerte künstlerische Positionen hat die Kuratorin Christiane Erdmann zusammen getragen. Sie erfassen das Thema Jugend und Adoleszenz eben nicht als einen bloßen Generationsbegriff, sondern als modernes Lebensgefühl, welches einen immer wieder überwältigen kann - auch wenn man schon um die 40 ist.